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Publiziert: Sarganserländer 18. Januar 1999

"Härte gegenüber den einfachen Leuten"

SP-Urgestein Helmut Hubacher an der Neuiahrsbegrüssunq der SP Sarganserland

An der Neujahrsbegrüssung der SP Sarganserland las Helmut Hubacher aus seinem Buch "Wohlfahrt oder Talfahrt". Auch die SP-Kantonsräte hielten Ansprachen.

  • VON ANDREAS KUEHNE

SARGANS Rund 60 Personen konnte Thomas Kühne (Sargans), Präsident der SP Sargans und Umgebung, zur Neujahrsbegrüssung der SP-Bezirkspartei willkommen heissen. Im Sarganser Zunfthaus Löwen stand am Samstag eine Lesung vom ehemaligen SP-Parteichef Helmut Hubacher (Basel) an. Doch bevor alt Nationalrat Hubacher die Lesung in Angriff nehmen konnte, hielt die lokale linke Politprominenz kurze Ansprachen.

SP will viele Leute ansprechen

Bezirkspräsidentin Esther Probst (Walenstadt) wünschte sich von diesem Wahljahr, dass die SP möglichst viele Leute ansprechen könne. Sie stellte fest, dass ihr letztjähriger Neujahrswunsch, nämlich dass die SP im Grossen Rat mehr agieren statt reagieren könne, schwierig zu erfüllen gewesen sei. Insbesondere kritisierte die Stadtnerin die Steuergeschenke an die Reichen. Dass es die SP als Minderheit im Grossen Rat nicht immer einfach hat, dem pflichtete der Sarganser Kantonsat Bernie Aggeler bei: "Ja, es ist Knochenarbeit." Aggeler äusserte sich auch zur Ausländer- und Asylpolitik, die seit dem Mord an einem St. Galler Lehrer brutal an Aktualität gewonnen hat. "Es liegt auf der Hand, dass die ganze Wut über die Tat auf eine ganze Bevölkerungsgruppe übertragen wird", meinte Bernie Aggeler, selbst Reallehrer. Auch die SP müsse sich unangenehmen Fragen stellen: Wo sind die Grenzen der Integration? Wurde ein genügend waches Problembewusstsein entwickelt? "Die Antworten dürfen wir nicht jenen Kreisen überlassen, die menschenverachtende Patentrezepte vorbringen!" mahnte der SP-Kantonsrat.

Schwanengesang in Murg

Ein anderes Thema schnitt die Sarganser Kantonsrätin Heidi Hanselmann an: die Auswirkungen der Spinnerei-Schliessung in Murg. So hätten sich 1995 bis heute die Fürsorgeleistungen um 64500 Franken verzehnfacht. Es sackte die Anzahl der Kinder im Kindergarten von 40 auf 27 ab und es hat der Leerbestand an Wohnungen von 5 auf 40 zugenommen, wusste die Präsidentin des Gewerkschaftbundes Sarganserland.
Das SP-Urgestein Helmut Hubacher streifte in der Lesung aus seinem Buch "Wohlfahrt oder Talfahrt" zwei Bereiche. Zum einen berichtete er über seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen und zum anderen äusserte er sich zur Wirtschaftssituation und den damit verbundenen Konseauenzen für die Arbeitnehmerinnen und -nehmer.

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Nicht alle gelten gleich viel

Dass ein Politiker sehr unterschiedliche Begegnungen mit seinen Mitmenschen hat, liegt in der Natur der Sache. Beispielsweise erzählte Hubacher aus seinem Buch, dass ihm ständig eine Frau am Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe mit dem Telefon wecke, nur um mit ihm zu plaudern. Eine andere Anekdote handelte von einem Büezer, der laut seinem Vermieter für einen Gebäudeschaden hätte zahlen müssen. Nachdem aber "Nationalrat Hubacher" bei der Immobilienfirma vorstellig wurde, hatte diese plötzlich wieder eine Haftpflichtversicherung und erliess selbstredend dem Büezer den Schaden. "Einfachen Leuten wird Härte gezeigt, aber wenn sogenannt Prominente kommen, ändert sich die Situation schlagartig", stellte H bacher nüchtern fest. Eine weitere Geschichte handelte von einem Angestellten, der nach etlichen Jahren Arbeit mit einer Abschiedsentschädigung von 200 Franken abgespeist wurde. Auch hier suchte der ehemalige SP-Parteichef Hubacher mit dem Direktor den Kontakt. Als sich der Arbeiter mit Hubacher beim Chef beschwerte, zückte dieser 5000 Franken und meinte, da man sich halt wehren müsse.

80:20-Prozent-Gesellschaft

Nach teils heiteren, teils tragisch Erlebnisschilderungen schwenkte Hubacher mit dem Kapitel "Arbeitslose stellen das grösste Heer" zum ernsteren Bereich. Die kapitalistische Marktwirtschaft brauche als Korrektiv die soziale Komponente. Denn wo das freie Spiel der Marktwirtschaft schrankenlos zugelassen würde, bilde sich eine 80:20-Prozent-Gesellschaft: 80 Prozent der Leute würden unter die Räder der 20 Prozent geraten. Es sei kein Zufall, dass die politische und gewerkschaftliche Linke vom Staat mehr sozialpolitisches Engagement fordere als die bürgerliche Rechte. Im Kampf gegen die wirtschaftliche Übermacht erweise sich nur die staatliche Schutzmacht als zuverlässige Gegenkraft zum wilden Kapitalismus. Nach der rund 40-minütigen Lesung von Helmut Hubacher offerierte die SP-Bezirkspartei den Neujahrsapero. (ak)

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Letzte Änderung: 7. Mai 2001

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