Flegel an der Macht und Anstand in der Schule

Von Bernhard Hauser, Professor PHSG und Schulratspräsident von Sargans

Mittwoch 9. November 2016. Vormittag. Zwei Stunden nach dem Wahlsieg von Donald Trump führte ich mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern ein Seminar zu Mobbing und Gewalt in der Schule durch. Zu erklären, wie die Regeln von Würde und Anstand aufgebaut und durchgesetzt werden, war schlicht absurd, nachdem der frisch gekürte US-Präsident über Wochen gegen fast jede dieser Regeln verstossen hatte. Wäre Herr Trump ein Jugendlicher in einer Oberstufe unseres Kantons, dann wäre er in allen Gemeinden mit Massnahmen belegt worden - und hätten diese nicht gewirkt, wäre er nicht selten sogar aus der Schule ausgeschlossen worden oder in einem Time-Out gelandet.

Muss die Schule diese neuen Vorbilder akzeptieren? Sollen wir nun, wo sich der Wind etwas gedreht hat, auch in der Schule ein bisschen toleranter mit solchen männlichen Flegeln umgehen? Weil sie doch gar nicht so schlimm sind? Bei den Burschen ein Auge zudrücken, wenn sie den Mädchen zwischen die Beine greifen und sich dann noch vor unseren Augen über diese Mädchen lustig machen, wenn sie unliebsame Konkurrenten verleumden und beleidigen, oder wenn sie Angehörige von Minderheiten verhöhnen – also vor allen Augen Mobbing betreiben?

Warum werden dann solche Flegel gewählt, obwohl wir niemals wollen würden, dass sich Jugendliche so gebärden? Wir leben wahrlich in wunderlichen Zeiten - mit Vorbildern bei den Mächtigen, die sich als Schüler so etwas niemals leisten könnten. Die Schule funktioniert, weil Anstand und Fairness durchgesetzt werden: Hier wird geführt, gearbeitet und gelernt. Die hohe Politik aber und nicht selten auch die Wirtschaft leben uns zu oft das Gegenteil vor. Anstand und Fairness einfordern: Die Schule kann das – die Gesellschaft nicht.

Europa braucht dabei gar nicht mit dem Finger auf Amerika zu zeigen – dieselben Absurditäten gibt es auch hier - mit Silvio Berlusconi, Viktor Orban, den Behörden in manchen nordostdeutschen Kommunen, oder mit Gert Wilders in Holland. In der Schweiz ist es auch nicht besser: Sich trotz klarer Ermahnung wiederholt über Schwarze mit „Negerli“-Sprüchen lustig zu machen, oder Frauen mit Haushaltgegenständen zu vergleichen, das toleriert unsere Schule nicht. Bundesrat Maurer aber machte das ungestraft – und ohne Entschuldigung. Was Kinder und Jugendliche nicht dürfen und Erwachsene erst recht nicht sollten, gilt offenbar nicht für unsere stramm rechten Männer an der Macht. Sie sind keinen Deut besser als provozierende Macho-Rapper. Die Würde des Menschen ist antastbar geworden – und die Umsetzung der herrschenden Gesetze lässt es zu, dass solches Flegelverhalten nicht nur ungestraft bleibt, sondern auch noch unverhohlen beklatscht wird. Die Antirassismus-Strafnorm zu belächeln und nicht ernst zu nehmen ist zu einem Kavaliersdelikt geworden – als ob das mutig sei.

Es reicht nicht, dass wir uns nun einfach die Augen reiben ob dieser Entwicklung. Die Anständigen müssen hier deutlicher und durchsetzungsfähiger werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen wünsche ich Amerika nicht eine erfolgreiche Zeit unter Trump. Zuversichtlich sehe ich den kommenden Shitstorms und Medien-Hypes gegen ihn entgegen – wegen fehlendem Anstand, Verleumdung, Verlogenheit und mehrfach versuchter Machtwillkür. Gut möglich, dass er angesichts dieser öffentlichen Druckwellen kaum Zeit zum Regieren findet. Denn im Vergleich zu seinen Vergehen und Leichen im Keller war der von Bill Clinton abgestrittene einvernehmliche Sex mit einer Praktikantin schlicht harmlos. Was bei Clinton immerhin für ein Amtsenthebungsverfahren reichte und die Weltöffentlichkeit monatelang beschäftigte, das wird bei Trump exponentiell deftiger werden. Gut so. Denn auch die USA werden zur Einsicht gelangen, dass es eine Rückkehr zu Anstand und Würde in diesen Ämtern braucht. Deshalb: Das nächste – wohl erfolgreiche – Amtsenthebungsverfahren steht uns bevor. Wunderbar. Mit Männern an der Macht, deren Verhalten in sanktgallischen Oberstufen zu einem Schulausschluss führen würde, mit solchen Flegeln sollte kein Staat gemacht werden.

Alle, die für Anstand, Fairness und Ehrlichkeit einstehen, müssen wohl lernen, diese Auseinandersetzung härter und offensiver zu führen. Es reicht. Definitiv. Es ist Zeit für ein couragierteres Auftreten der Anständigen. Auch wenn es gerade gar nicht cool ist.

Anständig und frech

Replik auf Leserbriefe zur Tribüne vom 18. November

Diskussionen per Leserbrief sind nicht ganz einfach, aber die Reaktionen auf meine Tribüne zum Thema „Flegel an der Macht“ verlangen nach einer Entgegnung.

Herr Mettler unterstellt in seinem Leserbrief vom 24.11.16, ich hätte in dieser Zeitung Wollerauerinnen und Wollerauer als Raubtiere bezeichnet. Das ist frei erfunden: Im angesprochenen Leserbrief vom 2. Februar habe ich Wollerau gar erwähnt, jedoch im Zusammenhang mit den USA die Entwicklungen des Raubtierkapitalismus. Hingegen beschreibe ich Wollerau im Editorial der Dezemberausgabe des „Magazin Sargans“ als inländische Steueroase, wohl kaum ein falscher Begriff. Die mir unterstellten „Wollerauer Raubtiere“ sind deshalb schlicht falsch, sind eine Verleumdung nach der Manier von Donald Trump, und sind eigentlich üble Nachrede. Aber ich möchte hier grosszügig sein und dafür auf seine Kritik an meiner Haltung „lieber frech als unterwürfig“ eingehen. Was soll an dieser Haltung falsch sein? Immerhin bin ich hier in allerbester Tradition mit Wilhelm Tell, der sowohl überhaupt nicht unterwürfig und gegenüber Gessler im besten Sinne frech war, nämlich beseelt von einer kompetenten Respektlosigkeit, also von höchst erwünschter Frechheit. Dieser Leitsatz „lieber frech als unterwürfig“ ist deshalb etwas vom Ur-Schweizerischsten überhaupt – da kann doch wohl niemand im Ernst dagegen sein? Die Brauchbarkeit dieses Leitsatzes entspricht auch meiner Erfahrung als Vorgesetzter in verschiedenen Bereichen: Eine Institution kommt am besten voran, wenn sie einen guten – zuweilen auch konfliktfähigen – Umgang mit kompetent respektlosen Mitarbeitenden pflegt. Wer diesen Umgang mit starken Mitarbeitenden nicht findet, kann nicht führen. Diese Frechheit braucht überhaupt kein Gegensatz zu Anstand und Würde sein. Das zeigen Menschen wie Wilhelm Tell oder Erin Brockovich.

Natürlich gibt es auch eine schlechte Form der Frechheit, zum Beispiel die Machtanmassungen der Herren Trump, Putin oder Erdogan. Dagegen braucht es genau diese andere – bessere – Frechheit. Das hat offenbar Frau Bernhard in ihrem Leserbrief vom 23. November nicht verstanden, wenn sie schreibt, ich würde den USA Schlechtes wünschen. Denn ich wünsche, wie bei genauerem Lesen eigentlich aus dem Text erkennbar wird, den USA eine rasche und erfolgreiche Amtsenthebung von Trump – und damit selbstredend alles nur erdenklich Gute.